Tanja Skambraks

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Dr.  Tanja Skambraks

Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim

tanja.skambraks@wirtschaftsgeschichte.org

Projekt

Die Montes Pietatis oder die Geburt des Kredits aus dem Geist der Nächstenliebe

Das Projekt widmet sich der Erforschung der Montes Pietatis in Italien im Zeitraum von 1450 bis 1550 und ist damit an der Schnittstelle von Mittelalter und Früher Neuzeit an gesiedelt. Der Ausgangsverdacht, dass die Entwicklung des mittelalterlichen Kredit- und Bankenwesens ohne das mittelalterliche Konzept der caritas nicht denkbar gewesen wäre speist sich aus unterschiedlichen Interessen: zum einen stellen aktuelle Projekte zur Armutsbekämpfung durch Mikrokredite (z.b. Grameen Bank des Nobelpreisträgers Mohammed Yunus) vermehrt die Frage nach historischen Vorbildern. Zum anderen muss die Geschichte des mittelalterlichen Bankenwesens zumindest in teilen neu geschrieben werden, seit Giacomo Todeschini den paradoxen Zusammenhang zwischen franziskanischem Armutsstreit und der wachsenden Ausdifferenzierung ökonomischen Wissens seit dem späten 13. Jahrhundert sorgfältig rekonstruiert hat. Die Franziskaner als Experten der Armut avancierten zu Experten des spätmittelalterlichen Wirtschaftslebens.

Dieses neue Wissen, das sich auf theoretischer Ebene beispielsweise in der begrifflichen Ausdifferenzierungen des Zinsbegriffs[1] greifen lässt, wurde von den Franziskanern direkt umgesetzt und funktionalisiert bei der Gründung so genannter „Montes Pietatis“. Hierbei wurden zwei Zielsetzungen verfolgt: zum einen wollten die Franziskaner eine Alternative zur jüdischen Geldleihe schaffen, zum anderen wollten sie die Armut in den Städten durch die gezielte Vergabe von Darlehen gegen Pfänder zu niedrigen Zinssätzen mindern.

Während die ältere franziskanische Forschung des beginnenden 20. Jh. (Holzapfel 1903, Weber 1920) die Geschichte der Montes Pietatis als „reine Erfolgsgeschichte“ erzählt, wurden seit den 90er Jahren eine Reihe von (Lokal-)studien zu einzelnen Montes in Italien verfasst.[2] Als die drei wichtigsten Forschungskontexte sind hier zu nennen:

  1. die Beziehungen zwischen Juden und Christen in der spätmittelalterlichen Stadt
  2. die städtische Armenfürsorge
  3. sowie das mittelalterliche Banken- und Kreditwesen

Das Forschungsprojekt möchte einerseits an die Ergebnisse dieser drei Forschungskontexte anknüpfen, andererseits eine neue Lesart dieses Phänomens vorstellen, welche die enge Verknüpfung der Geschichte des Franziskanerordens mit der Wirtschaftsgeschichte des späten Mittelalters an der Schwelle zur frühen Neuzeit aufzeigt.

Die Erforschung des Projektes „Montes Pietatis“ basiert auf verschiedenen Quellentypen, wie den Statuten der einzelnen Einrichtungen, anhand derer sich die Organisationsstruktur und Verwaltungspraxis in ihrer Idealform betrachten lässt. Daneben sind Predigttexte, theologische Traktate und Streitschriften zu nennen, anhand derer die Argumentationsstrategien der Gegner und Befürworter der Montes Pietatis greifbar werden. Zur Beantwortung dieser Frage müssen auch diverse Gutachten von Rechtsgelehrten untersucht werden. Daneben werden Briefe, Register und Rechnungsbücher der Einrichtungen herangezogen. Letztere versprechen einerseits einen Einblick in die Verwaltungspraxis der Institution sowie in die soziale Struktur der Klientel der Montes.



[1] Wichtig erscheint hier beispielsweise die Differenzierung verschiedener akzeptabler (!) Zinsformen, wie der titulus damni emergentis (Kostendeckung), der titulus lucri cessantis (Entschädigung für fiktive Erträge); der titulus morae (Zeitverzug) sowie der titulus periculi (Verlust der Summe bei Zahlungsunfähigkeit).

[2] Monographische Überblickswerke lieferten daneben Vittorino Meneghin (eher im Sinne eines Handbuchs: I Monti di Pieta, 1986) sowie Maria Muzzarelli, Il denario e la salvezza. L’invenzione del Monte di Pieta 2001.

Abgeschlossenes Promotionsprojekt

„Kinderbischöfe im europäischen Mittelalter“

Die Promotionsschrift mit dem Titel „Das Kinderbischofsfest in der Vormoderne. Eine Studie zu Ausdrucksformen christlicher Religiosität und Frömmigkeit (11. Bis 16. Jahrhundert)“ widmet sich einem bisher von der mediävistischen Forschung weitestgehend vernachlässigten Thema. Dieses ist an der Schnittstelle von Ritual- und Festforschung, vormoderner Theatergeschichte und Liturgiegeschichte zu verorten und wurde bisher nur aufsatzförmig von Kulturhistorikern und antiquarischen Forschern des 19. Jahrhunderts behandelt.
Die Studie, die das Thema erstmals in monographischer Form untersucht, nimmt – entsprechend der Breite der historischen Überlieferung – eine geographische und zeitliche Makroperspektive ein. Auf einer Basis von Belegen für insgesamt ca. 150 europäische Institutionen (Kathedralen, Klöster, Schulen) war es ein Ziel der Arbeit bisherige Forschungsergebnisse, die das Kinderbischofsfest als Ausdruck einer mittelalterlichen karnevalesken „Lachkultur“ (Bachtin) bzw. als eine burleske Entgleisung von Klerikern beschrieben, zu revidieren.

Curriculum Vitae

Tanja Skambraks (geb. 1980 in Leipzig) studierte von 1999 bis 2006 Mittelalterliche Geschichte, Anglistik und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden und der University of Edinburgh (Schottland). Nach Abschluss des Studiums mit einer Magisterarbeit im Bereich der mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte (Thema  „Englische Adelige als Produzenten und Konsumenten. Gutsherrliche Verwaltung und Haushaltsführung im 13. Jahrhundert – eine Studie zu normativen Vorstellungen und praktischem Verwaltungsschrifttum“) arbeitete sie von 2006 bis 2008 und im FSS 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für MIttelalterliche Geschichte der Universität Mannheim. Das 2007 begonnene und u.a. von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Promotionsprojekt widmete sich einem Phänomen der mittelalterlichen klerikalen Festkultur, dem  Kinderbischofsfest. Nach Forschungsaufenthalten in Oxford (2007) und London (2010) wurde die Arbeit mit dem Titel „Das Kinderbischofsfest in der Vormoderne. Eine Studie zu Ausdrucksformen christlicher Religiosität und Frömmigkeit (11. bis 16. Jahrhundert)“ im August 2011 eingereicht. Im März 2012 erfolgte die Promotion. Von August 2011bis Januar 2015 war Tanja Skambraks wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der Universität Mannheim, seit Februar 2015 arbeitet sie dort als akademische Rätin auf Zeit.