Projektskizze

Anfänge wirtschaftshistorischer Forschungen

Der Arbeitskreis zur spätmittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte baut auf einer langen Tradition auf. Seit dem Beginn wirtschaftshistorischer Forschungen im 18. Jahrhundert brechen die Diskussionen über die jeweiligen Anteile der Wirtschaft und der Geschichte in der Wirtschaftsgeschichte und die Art ihrer Verbindung nicht ab. Als sich die Wirtschaftswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend mathematisierte, tat sich ein besonders deutlicher Bruch zwischen den beiden Disziplinen auf, in denen sich die Wirtschaftsgeschichte verortet. Seitdem befindet sich die Wirtschaftsgeschichte in einer besonderen Zerreißprobe.

Aktuelle Forschungssituation

Aktuell kann man eine Annäherung der beiden Seiten beobachten: Einerseits wird Historikern wieder stärker bewusst, dass die Analyse von Gesellschaft und Kultur auch ein Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge voraussetzt. Andererseits kommen Wirtschaftswissenschaftler wieder darauf zurück, dass gerade Wirtschaftswachstum auch von historischen und kulturellen Faktoren abhängt, die nicht einfach als Restgrößen vernachlässigt werden können.

Spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte

Besondere Reize bietet die Frage, wie eine Wirtschaftsgeschichte des Spätmittelalters betrieben werden kann, da sich hier große methodische Herausforderungen stellen.

Untersuchungszeitraum

Das Spätmittelalter verstehen wir als die Zeit von ungefähr 1250 bis 1600. Mitte des 13. Jahrhunderts setzte eine tiefgreifende Umwälzung der europäischen Wirtschaft ein. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte sich die atlantische Wirtschaft durchgesetzt, der Dreißigjährige Krieg und das folgende westfälische Staatensystem änderten die Rahmenbedingungen für alle wirtschaftlichen Aktivitäten wiederum fundamental.

Wirtschaftsgeschichtliche Quellen

Aus dieser Zeitspanne sind zwar bereits serielle Quellen überliefert, sie können aber nicht als statistische Erhebungen im heutigen Sinne verwendet werden. Insbesondere wurden die wenigsten Dokumente, die uns heute als Quellen für wirtschaftliche Entwicklungen zur Verfügung stehen, auch zu dem Zweck geschaffen, wirtschaftliche Daten festzuhalten.

Methodenvielfalt

So bieten sich verschiedene Möglichkeiten, spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte zu betreiben:

  1. Aus der Wirtschaftswissenschaft: statistische Methoden, Netzwerkanalysen oder Institutionenforschung.
  2. Sozialwissenschaftlichen Ansätzen:  Systemtheorie, kommunikationswissenschaftliche Herangehensweisen oder wirtschaftssoziologische Fragestellungen.
  3. Kulturhistorische Forschung: Wissensschöpfung, Inszenierung ökonomischen Wissens und komparatistische Ansätze.

Methodendiskussion

Wir möchten diese verschiedenen Ansätze nicht einfach nebeneinander stehen lassen, sondern ihre Stärken und Schwächen für die Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge und gesellschaftlichen Wandels diskutieren und herausarbeiten. So möchten wir einen reflektierten Umgang mit dem eigenen methodischen Instrumentarium ermöglichen. Die Gegenüberstellung und gemeinsame Diskussion verschiedener Ansätze soll darüber hinaus dazu führen, Brücken zwischen den unterschiedlichen Methoden zu schlagen, fruchtbare Verbindungen, Überschneidungen oder wechselseitige Ergänzungen zu entdecken und auf dieser Weise zu einer gemeinsamen Modellbildung zu gelangen.