Konferenz 2017

Programm der Tagung: „Kaufmannbankiers und Herrscherfinanzen. Zwischen Diversifizierung von Märkten und Prozessen der Staatsbildung (14.-18. Jahrhundert)“

Tagungsort: Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 8. – 9. 12. 2017

To register for the event, please contact: PD Dr. Heinrich Lang, Deutsches Historisches Institut in Rom / Otto-Friedrich-Universität Bamberg, zu richten (heinrich.lang@uni-bamberg.de / lang@dhi-roma.it)

Programm:

Freitag, d. 8. Dezember

14:00-14:30 – Welcome

14:30-15:00 – Begrüßung und Eröffnung (Mark Häberlein, Heinrich Lang)

15:00-17:15 – Sektion 1: Government Finance and State Building

Nils Bock (Münster): Steuern – Kirchenzehnt – Kommerz. Grundstrukturen der Geldströme im Königreich Frankreich (13.-14. Jahrhundert)

Ulf Christian Ewert (Regensburg): Valois-Burgund – ein spätmittelalterlicher Finanzstaat

Carlo Taviani (Florenz): The Casa di San Giorgio, the Commune of Genoa and the Duchy of Milan. Merchants, Financial Engineering and Jurisdiction

17:15-17:45 – Pause

17:45-19:15 – Sektion 2/1: Merchant Bankers, Markets of Credit and Crowns

Mechthild Isenmann (Leipzig): Fallbeispiele – Dokumente – Mechanismen des Handelns aus der Oberdeutschen Hochfinanz des langen 16. Jahrhunderts

Maria Aleksandrova (Moskau): English royal borrowing in mid-XVIth century (based on Thomas Gresham’s correspondence)

20:00 – Keynote lecture

Markus A. Denzel (Leipzig): Von Fugger zu Frege: Financiers und Staatsfinanzen in der vorindustriellen Zeit

21:00 – Conference Dinner

Samstag, d. 9. Dezember 2017

9:15-10:00 – Sektion 2/2: Merchant Bankers, Markets of Credit and Crowns

Aleksandra Lipińska (München): Kaufmannbankiers Loitz. Quellen zur Untersuchung der Tätigkeit der Fugger des Nordens

10:00-10:45 – Sektion 3/1: Government Finance; Markets and Governance of Markets

Joost Jonker (Utrecht, NL): ‚Alba’s revenge: public finance, market development, and economic growth in the Low Countries, 1550-1780‘?

10:45-11:15 – Pause

11:15-12:30 – Sektion 3/2: Government Finance; Markets and Governance of Markets

Claudio Marsilio (Lissabon): Better lose than waste your money”. Exchange rates and Spanish Asientos: New evidences from Genoese bankers’ archives (1620s-1660s)

Christof Jeggle (Bamberg): Kredit gegen Privileg. Die Etablierung des Merkantilmagistrats in Bozen und die Finanzpolitik der Tiroler Landesherrschaft in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts

Tim Neu (Bochum): „Masters of the Exchange“. Die Londoner Firma Harley & Drummond und das Geschäftsmodell der britischen ‚remittance contractors‘ im 18. Jahrhundert

12:30-13:00 – Pause

13:00-13:30 – Abschlussdiskussion (Final discussion)

About the Conference:

Seit den Krisen der europäischen Staatsfinanzen und den Rettungsversuchen unter dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) hat sich die Geschichtswissenschaft verstärkt der Geschichte der Staatsfinanzen und der Finanzmärkte zugewendet. Dies betrifft vor allem die Geschichte der Wirtschafts- und Finanzkrisen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Tagung lenkt hingegen die Aufmerksamkeit auf die wirtschaftlichen und personellen Verflechtungen von Herrscherfinanzen mit den europäischen Waren- sowie Wechsel- und Kreditmärkten des 14. bis 18. Jahrhunderts. Dabei stehen weniger die persönlichen Beziehungen zwischen dem König und „seinen Bankiers“ im Blickpunkt als vielmehr die Verbindung verschiedener Märkte mit dem Geschäft der Herrscherfinanzen durch mehrschichtige Netzwerke und spezifische geschäftliche Praktiken. Dadurch soll gezeigt werden, dass enge Wechselwirkungen zwischen Marktgeschehen und Staatsbildung bestanden. Der Perspektive auf Kaufmannbankiers an der Scharnierstelle zwischen Herrscherfinanzen und der Diversifizierung von Märkten kommt für die Analyse der Konstituierung „moderner“ Finanzmärkte und deren Zusammenhang mit den „Staatsfinanzen“ und „Finanzmärkte“ erhebliche Bedeutung zu.

Vor der Einführung frei handelbarer Partialobligationen als „Staatsanleihen“ und der damit einhergehenden Entpersonalisierung des Verhältnisses der Regierungen zu ihren Financiers in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts basierte das Verhältnis von Kaufmannbankiers und Herrschern auf komplexen persönlichen Beziehungen. Kaufmannbankiers boten den gekrönten Häuptern finanzielle Dienstleistungen und Kredite an und traten zugleich als Hoflieferanten auf. Über konsortial organisierte Kreditfinanzierung und Steuerpachten sowie die Belieferung von Höfen mit Luxusgütern verknüpften die Handelsgesellschaften, ihre Kommissionäre und Agenten den Warenhandel und die Wechsel- und Kreditmärkte mit den Beziehungen zu Herrschern und dem Geschäft mit den Darlehen an die Kronen. Überdies erschienen Kaufmannbankiers mit den gleichen Aufgaben bei finanziellen Transferleistungen innerhalb der Kirche und versorgten den Klerus mit entsprechenden Gütern und Diensten.

Während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit liefen verschiedene Prozesse ab, die miteinander verschränkt waren: Zum einen leistete die fiskalpolitische Durchdringung von Territorien der herrschaftlichen Institutionalisierung Vorschub, zum anderen entwickelten sich die an die Herrschaften und die großen Handelskompanien (wie die Vereenigde Oostindische Compagnie, die East India Company und andere) angelagerten Märkte zu wesentlichen Instrumenten der Finanzierung der entstehenden Staaten. Eine überschaubare Anzahl von Kaufmannbankiers verknüpfte Waren- und Finanzmärkte mit den Herrscherfinanzen und bettete die angelagerten Kredit- und Wechselmärkte in das europäische System des bargeldlosen Zahlungsverkehrs ein. Dadurch sorgten die Kaufmannbankiers zugleich für die Expansion der Wechselmärkte und für die zunehmende Ablösung der Finanzmärkte von den Warenmärkten.

Im weiteren soll es um folgende Leitfragen gehen:

Welches dokumentarische Material kann die Handlungsspielräume und Praktiken von Kaufmannbankiers und Handelsgesellschaften im Zusammenhang mit der Diversifizierung von Märkten und Herrscherfinanzen ausleuchten?

Welche Akteursgruppen sind an den Herrscherfinanzen beteiligt?

Wie machen Kaufmannbankiers aus den Herrscherfinanzen ein Geschäft (Refinanzierung)?

Wie verhielten sich Financiers im Fall von Herrscherinsolvenzen?

Worin besteht der Zusammenhang zwischen der Finanzierung von Herrschaft und Waren- sowie Wechsel- und Kreditmärkten?

Lassen sich ‚interkulturelle‘ Vergleiche zwischen den europäischen Entwicklungen und den Entwicklungen in osman-türkischen, indischen oder chinesischen Herrschafts- und Wirtschaftsräumen anstellen?

Welche juristischen und ökonomischen Formen wurden im Zuge der europäischen Expansion exportiert?

Welche theoretischen und methodischen Ansatzpunkte (Spannung zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren, Regulierungsforschung, Netzwerktheorien, organisationssoziologische Ansätze…) bieten sich für diese Themenkomplexe an?