Konferenz 2017

Die 5. Jahrestagung des Arbeitskreises Spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte findet am 8. und 9. Dezember 2017 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg statt.

„Kaufmannbankiers und Herrscherfinanzen. Zwischen Diversifizierung von Märkten und Prozessen der Staatsbildung (14.-18. Jahrhundert)“

Seit den Krisen der europäischen Staatsfinanzen und den Rettungsversuchen unter dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) hat sich die Geschichtswissenschaft verstärkt der Geschichte der Staatsfinanzen und der Finanzmärkte zugewendet. Dies betrifft vor allem die Geschichte der Wirtschafts- und Finanzkrisen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Tagung lenkt hingegen die Aufmerksamkeit auf die wirtschaftlichen und personellen Verflechtungen von Herrscherfinanzen mit den europäischen Waren- sowie Wechsel- und Kreditmärkten des 14. bis 18. Jahrhunderts. Dabei stehen weniger die persönlichen Beziehungen zwischen dem König und „seinen Bankiers“ im Blickpunkt als vielmehr die Verbindung verschiedener Märkte mit dem Geschäft der Herrscherfinanzen durch mehrschichtige Netzwerke und spezifische geschäftliche Praktiken. Dadurch soll gezeigt werden, dass enge Wechselwirkungen zwischen Marktgeschehen und Staatsbildung bestanden. Der Perspektive auf Kaufmannbankiers an der Scharnierstelle zwischen Herrscherfinanzen und der Diversifizierung von Märkten kommt für die Analyse der Konstituierung „moderner“ Finanzmärkte und deren Zusammenhang mit den „Staatsfinanzen“ und „Finanzmärkte“ erhebliche Bedeutung zu.

Vor der Einführung frei handelbarer Partialobligationen als „Staatsanleihen“ und der damit einhergehenden Entpersonalisierung des Verhältnisses der Regierungen zu ihren Financiers in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts basierte das Verhältnis von Kaufmannbankiers und Herrschern auf komplexen persönlichen Beziehungen. Kaufmannbankiers boten den gekrönten Häuptern finanzielle Dienstleistungen und Kredite an und traten zugleich als Hoflieferanten auf. Über konsortial organisierte Kreditfinanzierung und Steuerpachten sowie die Belieferung von Höfen mit Luxusgütern verknüpften die Handelsgesellschaften, ihre Kommissionäre und Agenten den Warenhandel und die Wechsel- und Kreditmärkte mit den Beziehungen zu Herrschern und dem Geschäft mit den Darlehen an die Kronen. Überdies erschienen Kaufmannbankiers mit den gleichen Aufgaben bei finanziellen Transferleistungen innerhalb der Kirche und versorgten den Klerus mit entsprechenden Gütern und Diensten.

Während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit liefen verschiedene Prozesse ab, die miteinander verschränkt waren: Zum einen leistete die fiskalpolitische Durchdringung von Territorien der herrschaftlichen Institutionalisierung Vorschub, zum anderen entwickelten sich die an die Herrschaften und die großen Handelskompanien (wie die Vereenigde Oostindische Compagnie, die East India Company und andere) angelagerten Märkte zu wesentlichen Instrumenten der Finanzierung der entstehenden Staaten. Eine überschaubare Anzahl von Kaufmannbankiers verknüpfte Waren- und Finanzmärkte mit den Herrscherfinanzen und bettete die angelagerten Kredit- und Wechselmärkte in das europäische System des bargeldlosen Zahlungsverkehrs ein. Dadurch sorgten die Kaufmannbankiers zugleich für die Expansion der Wechselmärkte und für die zunehmende Ablösung der Finanzmärkte von den Warenmärkten.

Im weiteren soll es um folgende Leitfragen gehen:

Welches dokumentarische Material kann die Handlungsspielräume und Praktiken von Kaufmannbankiers und Handelsgesellschaften im Zusammenhang mit der Diversifizierung von Märkten und Herrscherfinanzen ausleuchten?

Welche Akteursgruppen sind an den Herrscherfinanzen beteiligt?

Wie machen Kaufmannbankiers aus den Herrscherfinanzen ein Geschäft (Refinanzierung)?

Wie verhielten sich Financiers im Fall von Herrscherinsolvenzen?

Worin besteht der Zusammenhang zwischen der Finanzierung von Herrschaft und Waren- sowie Wechsel- und Kreditmärkten?

Lassen sich ‚interkulturelle‘ Vergleiche zwischen den europäischen Entwicklungen und den Entwicklungen in osman-türkischen, indischen oder chinesischen Herrschafts- und Wirtschaftsräumen anstellen?

Welche juristischen und ökonomischen Formen wurden im Zuge der europäischen Expansion exportiert?

Welche theoretischen und methodischen Ansatzpunkte (Spannung zwischen quantitativen und qualitativen Verfahren, Regulierungsforschung, Netzwerktheorien, organisationssoziologische Ansätze…) bieten sich für diese Themenkomplexe an?

Vorschläge (Kurzdarstellung eines Beitrags über ca. 250 Worte mit einem kurzen Lebenslauf) sind bitte bis zum 31. Mai 2017 an PD Dr. Heinrich Lang, Deutsches Historisches Institut in Rom / Otto-Friedrich-Universität Bamberg, zu richten (heinrich.lang@uni-bamberg.de / lang@dhi-roma.it)